(hol) „Wir müssen unsere Gebäude dringend sanieren. Und wir suchen große Wohnungen in Friedberg!“ Michael Erlenbach, seit 2003 Leiter des Karl-Wagner-Hauses, richtete gleich zu Beginn des Besuches der Friedberger CDU-Fraktion eindringliche Worte an seine Gäste. Seit 130 Jahren ist das Karl- Wagner- Haus in der Alten Bahnhofstraße in Friedberg eine Anlaufstelle für Menschen in sozialen Notlagen. Als im Jahr 1886 in den USA Coca Cola erfunden wurde, kam es in Friedberg zur Gründung der „Herberge zur Heimat“. Die Einrichtung entstand in der Zeit der Industrialisierung, als sogenannte Wanderarme auf der Suche nach Arbeit von einem Ort zum nächsten zogen. Da es keine staatlichen Hilfen für Arbeits- und Obdachlose gab, eröffnete die protestantische Kirche vielerorts »Herbergen zur Heimat«, so auch in Friedberg. Und Teile des Gebäudes stammen immer noch aus dieser Gründerzeit. Aber auch die später angebauten Teile entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Längst ist es nicht mehr der klassische Durchreisende, der Tippelbruder oder Berber, der hier Aufnahme findet. Auf die Frage von Stadtrat Dirk Antkowiak, ob denn in den kalten Nächten im Januar die Plätze in der Herberge ausgereicht hätten, erwiderte Michael Erlenbach: „Jahreszeiten spielen keine Rolle mehr!“ Dann erläuterter er den CDU-Fraktions- und Magistratsmitgliedern das Angebot des Hauses. Das Hilfeangebot ist in zwei große Bereiche gegliedert, in einen Ambulanten und einen Stationären. „Zu dem ambulanten Angebot gehören Straßensozialarbeiter, die in Friedberg unterwegs sind und Ansprechpartner für Betroffene sein wollen. Dabei suchen sie beliebte Treffpunkte auf, wie zum Beispiel den Brunnen am Konrad-Adenauer-Platz neben dem Museum, und zeigen so Präsenz,“ so Verena Weiß, Fachbereichsleiterin Ambulante Hilfen.

Der stationäre Bereich ist gegliedert in die Herberge und das Wohnheim. Die Herberge, mit acht Plätzen, gilt als Notunterkunft, hier können Bedürftige pro Monat drei Nächte hintereinander verbringen, ohne sich zu erklären. Möchten sie länger bleiben, müssen Gespräche geführt werden. Dann kommen sie in einem der 51 Plätze des Wohnheims unter. Hier werden individuelle Hilfepläne aufgestellt.  Das Wohnen sei nicht das Grundproblem, erklärt Michael Erlenbach. Meist kommen eine Vielzahl verschiedener Probleme zusammen: Jobverlust, Trennung, Schulden und gesundheitliche Probleme, die die Menschen schließlich in die Wohnungslosigkeit treiben. Von daher soll das Haus ein Ort sein, für Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Besonders auffällig ist, dass in den vergangenen Jahren vielmehr junge Männer zwischen 20 und 25 in schwierige Situationen geraten sind und Hilfe suchen. Diese sind oft verschuldet, da Handyverträge und HiFi-Geräte immer mehr auf Pump gekauft werden können. Auch spielt bei den Jüngeren oft massiver Alkoholmissbrauch eine große Rolle. Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender fragte nach dem Träger und der Finanzierung der Einrichtung. Hier konnte Maike Henningsen, Geschäftsführerin Mission Leben aus Darmstadt, Auskunft geben: „Getragen wird das Karl- Wagner- Haus von der Mission Leben, einem Unternehmen der Stiftung Innere Mission Darmstadt und Mitglied im Diakonischen Werk Hessen und Nassau.“

Seit 1955 ist die soziale Einrichtung nach dem evangelischen Geistlichen Karl Wagner benannt, der als Superintendent und Kirchenrat der Provinz Oberhessen Ende der 1920er Jahre an der Wiedereröffnung und dem Umbau des Hauses maßgeblich beteiligt war. Die Akzeptanz des Obdachlosenheims in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert, berichtet Michael Erlenbach. Und literarisch verewigt wurde das Karl-Wagner-Haus vom bekannten Friedberger Schriftsteller Andreas Maier in einer Kolumne mit der Überschrift „Ein Leben auf Grundstufe“ in der österreichischen Kulturzeitschrift ‚Der Standard‘ im Jahr 2010.  »Sie sind also zu einem unverzichtbaren Teil des Gemeinwesens Friedbergs geworden«, stellte Fraktionsvorsitzender Olaf Beisel daher zum Abschied fest.

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