(har) Politik ist für viele ein „trockenes Geschäft“ und das gilt auch für die Mathematik, mit der so mancher, von den Grundrechenarten einmal abgesehen, nicht all zu viel anfangen kann. Dass Rechnen und Zahlen aber auch Spaß machen und die Menschen faszinieren können, dafür steht Professor Dr. Albrecht Beutelspacher, der Gründer des Gießener Mathematikums, den die kreisstädtische CDU als Gastredner für ihren traditionellen Neujahrsempfang am Freitagabend in der Stadthalle gewinnen konnte. Der Mathematikprofessor, der an der Justus-Liebig-Universität in Gießen lehrt, ist bekannt für seine humorvolle Vortragsart und das dem so ist, zeigte er auch in der Kreisstadt.

Bis es aber soweit war, verging über eine Stunde. Während des Sektempfangs der Jungen Union im Foyer erhielt jeder Besucher von Schornsteinfeger Bernd Fleck ein kleines Holzpuzzle aus dem Mathematikum. Dann fand nicht jeder Besucher einen Platz im Saal 1, so dass schnell noch zusätzliche Tische und Stühle herbei geholt und aufgebaut wurden.

„Ich freue mich über diesen überwältigenden Zuspruch“, meinte denn auch CDU-Stadtverbandsvorsitzender Dr. Hermann Hoffmann, der eine große Zahl an Vertretern von Vereinen, Institutionen, der Kirche sowie von Schulen und aus der Geschäftswelt begrüßte. Dazu kamen viele kreisstädtische CDU-Kommunalpolitiker, wie Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender und der Erste Stadtrat Peter Ziebarth, aber auch Vertreter von FDP und UWG sowie der badestädtische CDU-Vorsitzende Oliver von Massow. Später kamen noch Landtagsabgeordneter Tobias Utter und CDU-Bundestagskandidat Oswin Veith dazu.

Hoffmann bezeichnete in seiner Rede 2012 als „ein erfreuliche Jahr für die Friedberger CDU“ und weiter: „Wir haben unser Koordinationssystem gefunden“. Hoffmann lobte das Engagement vieler CDU-Mitgliedern in den Vereinen und für ihn sei die kreisstädtische CDU ein „soziales Netzwerk“ geworden.

Die vier „Stadtgespräche“ waren alle sehr erfolgreich und Hoffmann versprach, „diesen gelungenen Dialog mit dem Bürger“ in diesem Jahr fortzusetzen und die CDU werde sich vor allem der Entwicklung von Burg und Kaiserstraße widmen. Der mittlerweile eingetroffene Veith sprach danach über 20 Minuten und somit weit mehr als nur ein Grußwort.

In seiner Rede lobte er die Politik von Angela Merkel und Volker Bouffier, um dann immer wieder kein gutes Haar am politischen Gegner zu lassen. „Fast jedes SPD-regierte Bundesland ist hoch verschuldet“ erklärte Veith und erst durch den Länderfinanzausgleich, in den Hessen einzahlt,  werde in diesen Ländern beispielsweise ein kostenloses Kindergartenjahr eingeführt.

„Deutschland geht es gut“ verkündete Veith, um dann die „mittelstandsfeindliche Politik“ der SPD zu erläutern. So wand er sich gegen einen einheitlichen Mindestlohn, wie ihn auch die SPD fordert, um schließlich noch auf den Flughafenbau in Berlin sowie auf den SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück einzugehen: „Steinbrück ist der beste Wahlhelfer für Angela Merkel“.

Vor und zwischen den ersten Redebeiträgen unterhielten Schülerinnen aus der Gesangsklasse von Yvonne Adelmann von der Musikschule Friedberg die Besucher. Ann-Christin Drechsler aus Assenheim sang „Flight“ von Craig Carnelia und „Halo“ von Beyoncé. Dank ihrer frischen und fröhlichen Art avancierte die erst 13 Jahre alte Anne-Sophie Becker aus Friedberg zum Publikumsliebling. Bevor die Augustinerschülerin mit „Call me maybe“ von Carly Rae Jepsen und „Run“ von Leona Lewis begeisterte, stellte sie locker fest: „Ich weiß nicht, wer hier alles Englisch kann, deshalb erläutere ich jetzt erst kurz den Inhalt der Songs“.

Dann endlich war es soweit: Beutelspacher kam auf die Bühne und er hielt nicht nur ein flammendes Plädoyer für eine umfassende Bildung und mehr Anerkennung der wissenschaftlichen Arbeit. Mit drei „ganz kleinen Experimenten“ sorgte er für pure Begeisterung beim faszinierten Publikum.

Beutelspacher ging zunächst auf die zehnjährige Geschichte des Mathematikums ein. Die Idee kam ihm schon vor 20 Jahren nach einer Ausstellung von mathematischen Modellen einiger seiner Studenten. Den auch wirtschaftlichen Erfolg des Museums begründete er mit seinem „Leitfaden“: Wie können wir unseren Besuchern was Gutes tun?“.

Es sei ein Wunder, dass sein Konzept funktioniere, was die 1,5 Millionen Besucher beweisen, erklärte Beutelspacher, der diesen Redeteil mit Experiment Nummer eins abschloss. Aus nur zwei Holzteilen mit jeweils einer quadratischen Fläche eine Pyramide zu formen, ist für die Mathematikum-Besucher oft gar nicht so einfach, erklärte er und zeigte, wie es „ganz einfach geht“.

Die Wissenschaft bezeichnete Beutelspacher als „der Motor der Wirtschaft“. Die wissenschaftliche Arbeit sorge letztendlich für Wohlstand und wirtschaftliche Stabilität. Jedoch müsse jedem Wissenschaftler klar sein, dass er „das Beste sucht, aber nicht für sich selbst“. Sprachs und holte zwei gelbe Papierstreifen hervor, faltete sie zu zwei Kreisen, klebte diese zusammen und schnitt sie längs durch. Heraus kam ein Quadrat. Die Besucher staunten und Beutelspacher fügte hinzu: „Das ist aber nicht die Quadratur des Kreises“.

Seinen letzten Redeteil widmete er der Bildung, die „gar nicht so schlecht ist“. Jedoch warnte er vor der Tendenz „Lernen nur für die Prüfung“. Zu einer richtig guten Bildung gehöre es, sich zu erproben und Projekte durch zu ziehen, „in denen man auch mal im Nebel steht und der Studierende nicht weiß, ob es überhaupt zu einem Ende kommt.

Man müsse den Schülern und Studenten dafür Zeit geben und auch den Lehrkräften mehr Anerkennung zollen, denn „deren Arbeit wird leider oft unterschätzt“. „Mathematik macht glücklich und das beste ist der Aha-Moment“ erklärte er, während seines letzten Experiments mit zwei roten Papierstreifen, aus denen nach drehen, falten, kleben und schneiden zwei ineinander verschlungene Herzen wurden. Nicht enden wollte der Schlussapplaus für Beutelspachers Ausführungen und von Hoffmann gab es „zur Entspannung“ Friedberger Schokolade und Ockstädter Kirschbrand für den Mathematikprofessor.

Kurz machte es dann Tobias Utter, der sich, von Beutelspachers Rede inspiriert, zunächst humorvoll an seinen Mathematikumbesuch erinnerte, um dann die Arbeit der kreisstädtischen CDU zu loben: „Hier sitzt der Erste Stadtrat Peter Ziebarth, das hätte ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten“, kommentierte Utter die überraschende Wiederwahl Ziebarths im letzten Jahr.

Den musikalischen Schlusspunkt der letztendlich über zweieinhalb Stunden langen Veranstaltung setzte Christina Glebe, Konditormeisterin und Berufsschullehrerin aus Bruchenbrücken, mit dem Titelsong des Musicals „Cabaret“ und „Du allein“ aus „Starlight Express“. Schließlich verteilte Hoffmann an die “Frauen aus der Organisation des Abends“ sowie an Yvonne Adelmann als Dankeschön einen Blumengruß, bevor er den Neujahrsempfang beendete.

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